Di
22
Nov
2011
Den Haag/Frankfurt am Main (ots) - Die vergangenen zehn Jahre markierten Brasiliens goldenes Jahrzehnt. Die strikte haushaltspolitische Disziplin seit Ende der 1990er Jahre, die deutliche Abwertung des Real während der Argentinienkrise und Chinas wachsender Bedarf an Rohstoffen schufen ein für Konjunktur und Aktienmärkte günstiges Umfeld.
| Brasilien | 21.11.2011 | 10:07 Uhr -ING Investment Management |
Den Haag/Frankfurt am Main (ots) - Die vergangenen zehn Jahre markierten Brasiliens goldenes Jahrzehnt. Die strikte haushaltspolitische Disziplin seit Ende der 1990er Jahre, die deutliche Abwertung des Real während der Argentinienkrise und Chinas wachsender Bedarf an Rohstoffen schufen ein für Konjunktur und Aktienmärkte günstiges Umfeld. In den Jahren vor 2008 waren Zuwächse um 5, 6 oder sogar 7 Prozent durchaus nicht ungewöhnlich. Zwischen 2002 und 2008 stieg der Wert des brasilianischen Aktienmarktes um das Achtfache.
Letztes Jahr geriet der Wachstumskurs jedoch ins Stocken; die Zuwachsrate liegt derzeit bei lediglich 3 Prozent. Auch die Aktienkurse hinken den übrigen Schwellenländermärkten seit nunmehr zwei Jahren hinterher. Ohne neue Reformen scheint der Schwung der brasilianischen Wirtschaft jetzt erschöpft zu sein. Selbst die anhaltend niedrigen Zinsen in den USA und Europa sowie die weiterhin starke Rohstoffnachfrage Chinas reichen nicht zur Belebung der lahmenden Wirtschaft am Zuckerhut.
Das Problem besteht vor allem darin, dass einerseits die Staatsausgaben für Löhne, Gehälter und Renten zu hoch sind, die Regierung aber andererseits das Produktivitätswachstum nicht mit der gebotenen Entschlossenheit fördert. Wegen der Anbindung der Löhne und Gehälter an den Verbraucherpreisindex, hoher Steuern und Zinsen sowie der ausufernden Bürokratie liegt die Kostenbelastung für brasilianische Unternehmen über der in den meisten anderen Schwellenländern. Das Problem der "custo Brasil", also der Extrakosten, die der Wirtschaft zu schaffen machen, hat sich in den vergangenen Jahren noch verschärft. Grund sind die Bemühungen der Regierung, vorrangig das Wachstum anzukurbeln.
Das bedeutet, dass bereits jetzt klar ist, dass der Mindestlohn 2012 um 14 Prozent angehoben wird. Die Inflation ist mittlerweile auf 7 Prozent geklettert und liegt damit über dem offiziellen Zielwert der Zentralbank. Sofern die Gehälter mit der Anhebung der Mindestlöhne Schritt halten, ist ein Rückgang der Inflationsrate in naher Zukunft so gut wie ausgeschlossen. In einem solchen Umfeld verharren die Zinsen normalerweise auf einem hohen Niveau. Im Ergebnis verteuert dies die Finanzierung der dringend benötigten Infrastrukturinvestitionen ganz erheblich.
Seit ein paar Jahren vergibt die Regierung preiswerte Darlehen über die nationale Investmentbank. Anstatt zur Inflationsbekämpfung die Leitzinsen zu erhöhen, hat die Zentralbank die Zinsen seit letztem Sommer sogar zweimal gesenkt. Die Geldpolitik ist immer stärker von Opportunismus geprägt und die Unabhängigkeit der Zentralbank dadurch deutlich angekratzt.
Durch die zunehmend interventionistische und weniger berechenbare Wirtschaftspolitik leidet auch Brasiliens Attraktivität als Anlageziel. In einer Welt, in der der Risikoappetit - vor allem im Zuge der Krise im Euro-Raum - deutlich schwindet, wird dies unweigerlich Konsequenzen haben. Eine anhaltend hohe Inflation und ein wirtschaftspolitischer Schlingerkurs könnten den Real nachdrücklich schwächen. Für Aktienanleger sind das keine günstigen Aussichten. 2012 wird daher wohl das dritte Jahr in Folge sein, in dem der brasilianische Aktienmarkt weit hinter den anderen Emerging Markets zurückbleibt.
Pressekontakt:
ING Investment Management
Birgit Stocker
-Head of PR D/A/CH-
T: +49 69 50 95 49 - 15
e-mail: birgit.stocker@ingim.com
B034